China: Neue Führung und Wandel

In der Volksrepublik China wurde jetzt planmäßig die staatliche Führungsriege ausgewechselt. Das Land ist mit zuletzt knapp 15% Anteil am globalen BIP zur zweitgrößten Wirtschaftsnation aufgerückt, das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den zurückliegenden 12 Jahren von 1000 auf 2600 Dollar mehr als verdoppelt. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der Eurozone am globalen BIP von über 18% auf unter 14% geschrumpft.

Der Schlüssel für diese Entwicklung lag in der Vergangenheit darin, dass sich China konsequent als „Werkbank der Welt“ positioniert hat. Auf der Gegenseite haben die Industrienationen, allen voran die USA, unter der Flagge des „Outsourcing“ Arbeitsplätze in der physischen Warenproktion ab- und statt dessen ihre Dienstleistungssektoren ausgebaut.

China ist nicht nur Werkbank, sondern auch Gläubiger. Die Leistungsbilanzüberschüsse der Exportnation haben ihre Devisenreserven auf 3,3 Bill. Dollar anschwellen lassen. Diese bestehen zu einem bedeutenden Teil in US-Staatsanleihen. China leiht den USA Geld, die Amerikaner kaufen im Gegenzug in China produzierte Waren günstig. Die Käufe von US-Treasuries halten den Außenwert der chinesischen Währung und damit die Exportpreise unter Druck.

Die Rolle der „Werkbank der Welt“ ist Segen, so lange die Konjunktur in Europa und in den USA brummt, sie wird aber zum Fluch, wenn die Nachfrage auf dem Weltmarkt stottert. Die chinesischen Exporte machten im zurückliegenden Jahr rund 30% des BIP aus. Sie sind nur noch um gut 6% angestiegen, im Jahr davor lag das Plus noch bei über 22%. Die größten Export-Partner Chinas sind nach wie vor mit 17% die USA, gefolgt von der EU mit 16% und den ASEAN-Staaten mit 10%. High-Tech-Produkte kamen in 2012 auf 29% Export-Anteil, elektromechanische Produkte erreichten insgesamt einen Export-Anteil von 57%.

Das chinesische BIP ist im vierten Quartal 2012 um 7,9% gegenüber dem Vorjahresquartal angestiegen – abgesehen vom Einbruch im Gefolge der Finanzkrise im Jahre 2009 muss man bis 2003 zurückgehen, bis man wieder auf solch „geringe“ Zuwächse trifft.

Von einem solchen Wirtschaftswachstum können die Industrienationen nur träumen. Es findet in China aber auf immer noch sehr niedrigem Niveau statt. In Deutschland ist das nominale pro Kopf-BIP zehn mal so hoch, stellt man auf die Kaufkraft-adaptierten Werte ab, bleibt immer noch ein Faktor von etwa 4,8.

Der Politik der „Werkbank für die Welt“ entsprach es, über große Unterschiede im Lebensstandard innerhalb des Landes dafür zu sorgen, dass es ein Millionenheer von Wanderarbeitern gibt. Eine schlechte Infrastruktur in der Fläche stabilisiert diese Situation. Diese Marxsche industrielle Reserverarmee hält die Löhne niedrig und erhält so den Kostenvorteil auf den Weltmärkten.

Wenn China die „Werkbank“-Politik konsequent weiter verfolgen wollte, müsste die Zustand der extremen Ungleichheit in der Fläche aufrecht erhalten werden. Dieser wird sich auf Dauer aber nicht aufrecht erhalten lassen, früher oder später wären soziale Unruhen die Folge. Das gilt insbesondere dann, wenn die Konjunktur in den Industrieländern weiter anemisch verläuft. Hinzu kommt, dass die USA dabei sind, der Fertigung im eigenen Land wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen, wodurch die Nachfrage von hier aus auf längere Sicht sinkt.

Die chinesischen Konsumausgaben haben sich per 2011 im Vergleich zu 2000 mehr als verdreifacht. Im selben Zeitraum hat sich das BIP fast verfünffacht. Der Anteil der Binnennachfrage am BIP beträgt 36%, in den USA liegt der Wert bei rund 70%. Die zeigt die bisherige Vernachlässigung der Binnennachfrage.

Die neue Führung wird einen anderen Weg einschlagen (müssen) und ihre Verlautbarungen deuten dies auch an: Da ist von der Vollendung des Aufbaus der Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand die Rede. BIP und Durchschnittseinkommen sollen sich bis 2020 verdoppeln, heißt es.

Die meisten Analysten schätzen, dass China so oder so ein Wachstum von 8% p.a. benötigt, weil nur dann genügend Arbeitsplätze geschaffen werden können, um soziale Unruhen zu vermeiden. Daher strebt Chinas Führung weiterhin ein Mindestwachstum von 7 bis 8% an.

Die der „Werkbank“ untergeordnete Politik Chinas, die eigene Währung schwach zu halten, führt zu Inflationsdruck, weil das die importierten Güter verteuert. Dies erfordert es, beim Abbau der Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land die privaten Einkommen entsprechend steigen zu lassen. Insbesondere das Einkommen der Bauern muss sich durch deutliche Steigerungen bei den Nahrungsmittelpreisen verbessern.

China ist längst nicht mehr nur Werkbank für „Drecksarbeit“ oder einfache manuelle Tätigkeiten. Jahr für Jahr spucken die Universitäten des Landes über 400.000 Ingenieure aus. Der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung kommt bald auf 10%. So entsteht hier zunehmend hochstehende technologische Kompetenz, wodurch eigene Produkte des Landes in Konkurrenz treten zu denjenigen, die westliche Konzerne in China fertigen lassen.

Auf der anderen Seite schwinden aus Sicht der Industrieländer mit weiter fortschreitender Automatisierung und steigender Produktivität der Arbeit die Kostenvorteile einer Produktion in China.

Alle diese Punkte sprechen dafür, dass ein deutlicher Wandel in der Rolle Chinas auf dem Weltmarkt einerseits und der Ausrichtung der Produktion in den Industrieländern andererseits ansteht. So gibt es in den USA deutliche Zeichen, die physische Produktion im eigenen Land wieder aufleben zu lassen. Das wird auch unterfüttert mit jüngeren wissenschaftlichen Untersuchungen und Stellungnahmen.

Eine latente Gefahr für die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität Chinas ist der Immobiliensektor. Die Investitionen in Immobilien machen etwa 12% des BIP aus. Es ist von Geisterstädten und Geister-Einkaufsvierteln die Rede. Mehr als 60 Millionen Häuser und Appartements sollen leer stehen, gekauft aus Spekulation auf steigende Immobilienpreise, dabei zum Teil unfertig, um Steuern zu sparen. Ein Einbruch im Immobiliensektor hat üblicherweise sehr weitreichende Folgen, weil er neben dem Finanzsektor auch zahlreiche industrielle Segmente erfasst. Die Regierung ergreift Maßnahmen, die überbordende Spekulation hier einzudämmen. Ob ihr das gelingt und dabei einen Kollaps vermeiden kann, ist schwer zu beurteilen, wie auch viele andere makroökonomische Entwicklungen aus westlicher Sicht oft intransparent sind.

Die Weltbank hat bereits vor einem Jahr in ihrem Bericht “China 2030″ festgestellt, nach drei Jahrzehnten mit rund zehn Prozent Wachstum brauche China eine “neue Entwicklungsstrategie. Es seien tiefgreifende marktwirtschaftliche Reformen notwendig, um das langfristige Wirtschaftswachstum zu sichern. Dahinter steht die Befürchtung, dass China in der so genannten “Middle-income trap” gefangen sein könnte. Dies kennzeichnet eine Situation, in der ein aufstrebendes Land zwischen dem ressourcen- und dem produktivitäts-getriebenen Stadium der Wirtschaft verharrt. Es verliert im Wettbewerb mit Billiglohnländern und kann sich auch gegen entwickelte Industriestaaten nicht behaupten. Dann droht Stagnation auf mittlerem Niveau mit gelegentlichen kurzen Boomphasen und nachfolgenden schnellen Einbrüchen.

Eine weitere warnende Stimme zum Schluss aus einem etwas anderen Blickwinkel: Das Ende eines von Schulden und Investitionen getriebenen Wachstumszyklus ist typischerweise zerstörerisch, schreibt Satyajit Das und verweist auf Japan. Dessen Wirtschaft wuchs in den 1960er Jahren um 10%, in den 1970ern um 5%, in den 1980ern um 4% und stagniert seitdem in Deflation der ehemaligen Kreditblase.

Die Herausforderungen liegen in hohem Maße auch auf der politischen Ebene. Die einfache chinesische Bevölkerung wird sich nur so lange mit eingeschränkten politischen Rechten zufrieden geben, wie sie an die Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage glaubt. Wenn man hierzu das Verbrauchervertrauen heranzieht (und dieses als einigermaßen reelle Widerspiegelung der tatsächlichen Verhältnisse nimmt), liegt hier ein nicht unbeträchtliches Stör-Potenzial. Die Trendrichtung weist seit 2000 abwärts, mit hohen Schwankungen seit 2010.

Blendet man den Punkt des Verbrauchervertrauens aus, so stehen die Chancen, dass China „die Kurve kriegt“, aus meiner Sicht nicht so schlecht. Das Land verfügt aufgrund seiner Größe und seines gegenwärtigen Entwicklungsstands über einen aufnahmefähigen Binnenmarkt. Gleichzeitig ist es abgeschottet genug, um sich gegen allzuviel vagabundierendes Kapital zur Wehr zu setzen, das schon viele andere Emerging-Markets-Länder destabilisiert hat.

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