ifo-Institut zu „Sparen oder Wachstum“

Nachfolgend eine Stellungnahme des ifo-Instituts zum Thema „Sparen oder Wachstum“:
(Hervorhebungen von mir, KS)

„Sparen“ oder „Wachstum“ – dies seien die alternativen Wirtschaftspolitiken, zwischen denen Politiker gegenwärtig wählen könnten. So ist es im Zuge der Wahlen in Frankreich und Griechenland sowie den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen in der öffentlichen Debatte transportiert worden. Dieses Mutmaßen kommt einer Irreführung der Öffentlichkeit gleich, denn wachsen kann eine Volkswirtschaft nur, indem sie spart. Sparen ist das Gegenteil von Konsumieren und stellt die Finanzmittel für Investitionen bereit, aus denen Wachstum entsteht. Investitionen vergrößern den Kapitalstock einer Volkswirtschaft und insofern deren Produktionskapazität.

Was man mit dem Slogan in Wahrheit meinen könnte, ist ein Wachstum mit fremder Ersparnis, so wie es in den Jahren vor der Finanzkrise in Südeuropa stattfand. Aber die Verwendung fremder Ersparnis verlagert die Wachstumskräfte nur. So hat Deutschland in der Zeit seit der Ankündigung des Euro auf dem Gipfel in Madrid 1995 den Löwenanteil seiner Ersparnis über sein Banken- und Versicherungssystem exportiert und zu Hause nur noch ganz wenig investiert. Das führte zu seiner eigenen Eurokrise. Deutschland hatte extrem niedrige Investitionen, trug die rote Laterne beim europäischen Wachstum und durchlitt eine Massenarbeitslosigkeit, die die Regierung Schröder zu schmerzlichen Sozialreformen zwang.

Nach der Finanzkrise hat sich die Situation insofern für Deutschland verbessert, als dass sich Sparkapital nun nicht mehr aus dem Land heraustraut. So kam es in den Jahren seit 2010 zu einem Investitionsboom, der das deutsche Wachstum noch immer antreibt. Wenn manche EU-Länder die deutsche Ersparnis mit dem Slogan „Wachsen statt Sparen“ nun wieder über öffentlich besicherte Kreditkanäle ins Ausland leiten wollen, ist das zwar verständlich. Doch sollte die deutsche Politik wissen, dass sie damit das deutsche Wachstum schwächt und das deutsche Importdefizit aufrechterhält, über das sich die anderen EU-Länder beklagen. Es ist an der Zeit, dass die peripheren Euroländer beginnen, aus ihrer eigenen Ersparnis zu wachsen.


 

Anmerkungen:

Für die Phase nach der Finanzkrise legt das ifo-Institut nahe, dass es zum deutschen Investitionsboom kam, weil Sparkapital vorhanden war. Ich denke, vorrangig ist die Investitionsbereitschaft – aber mag sein, dass das ein Henne-Ei-Problem ist. Warum ging das deutsche Kapital vor 2008 ins Ausland? Weil es dort mehr Rendite fand. Und genau das führte zur übermäßigen Kreditaufblähung (siehe z.B. Spanien und Immobilienboom).

Mit „öffentlich besicherten Kreditkanälen“ ist Target2 gemeint. Die Darstellung des ifo Instituts ist hier etwas schief, weil sie nahelegt, dass das eine erst kürzliche Entwicklung ist – sie läuft jedoch schon seit 2008, beschleunigt seit 2010.

Das deutsche Importdefizit wird meines Erachtens nicht durch Target2 aufrecht erhalten, sondern es handelt sich im Kern um einen Exportüberschuss, der durch ein im europäischen und Welt-Maßstab gemäßigtes Preisniveau begünstigt wird (niedriges Lohnniveau) in Kombination mit „modernen“ Investitionen. Der Merkelsche Fiskalpakt versuchte, diese Situation zu perpetuieren.

Das ifo Institut steht voll und ganz hinter der deutschen Exportindustrie, möchte deren Interessen gewahrt sehen. Gleichzeitig will es Target2 zurückdrehen (oder zumindest Sicherheiten hierfür bekommen) – dabei stellt (auch) Target2 sicher, dass die PIIGS deutsche Produkte importieren. Gleichzeitig fordert ifo eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit der PIIGS („aus eigener Ersparnis wachsen“), wohl wissend, dass das noch „ewig“ dauern kann. Zunächst sitzt insbesondere Spanien in der Schuldenfalle, Ersparnisse werden benötigt, um Schulden zu begleichen, stehen für Investitionen nicht zur Verfügung.

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