Apple – bald in die Röhre gucken?

In die Röhre gucken? Ich meine das im doppelten Wortsinn…

…zum einen: Haben die Anleger bald keine Freude mehr an der Apple-Aktie?
Die Aktie hatte am 9. April bei 636,23 ein Allzeithoch markiert, seitdem geht es bergab – heute Gegenwehr. Kursverlust aktuell bezogen auf das Allzeithoch rund 7%. Im Januar 2009 hatte sie bei rund 80 ein Tief ausgebildet, von da an ging es nach oben, seit Januar beschleunigt. Ich hatte schon auf die Ähnlichkeit des Kursverlaufs von Apple mit dem von Google hingewiesen: Google hatte im November 2007 ein Topp gebildet, dann ging es mit der Suchmaschinen-Aktie bergab. Wie Apple, so hatte auch Google sich früh in 2009 gefangen (bei rund 260), hat das Allzeithoch bei gut 700 aber bis jetzt noch nicht wieder erreicht.

Im Spätjahr 2007 hatte auch der S&P 500 in etwa zeitgleich zu Google ein Topp ausgebildet. Ist Apple ein Vorbote dafür, dass die breiteren Aktienmärkte nun nachhaltig unter Druck kommen? Solche historischen Parallelen sind verführerisch. Man sollte aber weniger auf die bloße „Mechanik“ vertrauen, sondern schauen, was dahinter steckt.

Apple hat aufgrund der Marktkapitalisierung von gegenwärtig über 550 Mrd. Dollar ein starkes Gewicht im NDX von nahe 20% – der Schwanz wedelt mit dem Hund. Will sagen, die Bewegungen der Apple-Aktie sind für den breiten Markt durchaus relevant – über die Gewichtung, aber auch über die Stimmung. Apple ist das wertvollste Unternehmen weltweit.

Die Apple-Aktie ist hochgradig aufgeladen – einerseits wegen der guten Performance bisher, andererseits wegen der Phantasie, die in das Unternehmen hineingelegt wird. Nur dadurch, dass Anleger einem Unternehmen Wunderdinge zutrauen, entsteht überhaupt ein solcher Hype.

Apples Markt-Erfolg ruht auf zwei Pfeilern: Erstens setzt das Unternehmen bei der Bedienbarkeit seiner Produkte neue Maßstäbe – komplexe Funktionen sind intuitiv zugänglich. Zweitens pflegt das Unternehmen eine gewisse Exklusivität – Apple-Jünger sind gerne bereit, einen kräftigen Aufschlag zu bezahlen, um sich mit dem neuesten Apple-Produkt zu schmücken. Eine Barschaft von 100 Mrd. Dollar kommt nicht von ungefähr.

Zum Thema „Bedienbarkeit“ gehört der „Content“ – die eleganteste Bedienerphilosophie nutzt nichts, wenn es keine (Medien-)Inhalte gibt, auf die man mittels der Apple-Produkte einfach und schnell zugreifen kann. Hier spielt der iTunes-Store eine wichtige Rolle.

Apple ist kein Technologieführer, der die Entwicklung neuer Basis-Technologien vorantreibt – das Unternehmen ist aber meisterhaft darin, vorhandene Technologien zu verwerten. Apple ist damit ein typisches Unternehmen für den gegenwärtigen Kondratieff-Winter, das Unternehmen versteht es meisterhaft, die tragende Technologie des aktuellen Kondratieff-Zyklus durch bessere Bedienbarkeit weiter zu verbreitern. Zu den allgemeinen Eigenschaften des Kondratieff-„Winters“ zitiere ich aus „Weltsichten – Weitsichten“ (R. Rethfeld/K. Singer; FinanzBuch Verlag 2004; S. 252): „Innovationen sind inkrementeller Natur, etablierte Technologien werden verbessert, billiger gemacht und weiter verbreitet. Konsolidierung ist das zentrale Stichwort in der Wirtschaft.”

Apple hat die Felder „Audio-Dateien“, „Home-Computing“ und „Mobile Kommunikation“ besetzt. Bisher weitgehend unbearbeitet ist das Feld „Fernsehen/Filme“. Genau hier setzt die weitergehende Phantasie der Apple-Liebhaber an und hier kommen wir zur zweiten Bedeutung des „in die Röhre guckens“ in der Überschrift. Gut, „Röhre“ war gestern – heute geht es um Flachbildschirme.

Vor kurzem ging es durch die Presse: Die chinesische Foxconn beteiligt sich mit fast 10% am japanischen Display-Hersteller Sharp. Dabei geht es vor allem um dessen großformatige TV-Panels. Foxconn hat zugesichert, bis zu 50% des Ausstoßes des Sharp-Werks im japanischen Sakai abzunehmen.

Foxconn ist Apples größter Auftragsfertiger. Sharp liefert bisher schon Displays für das Apple iPad – neben Samsung. Samsung und Apple liegen mittlerweile im Streit – es geht um Patentverletzungen. Anzunehmen, dass Samsung auf mittlere Sicht als Apple-Lieferant ausgedient hat. Die Beteiligung von Foxconn an Sharp dürfte ein Hinweis darauf sein.

Beim Deal Foxconn – Sharp geht es vorrangig um LCD-Panels mit großen Diagonalen, wie sie für TV-Geräte gebraucht werden. Das unterlegt die Vermutung, Apple könnte demnächst den weißen Fleck „Fernsehen – Filme“ besetzen. Futter für diese Vermutung liefern verschiedene Patente, die Apple in den zurückliegenden Jahren erteilt wurden – so etwa eines, bei dem es um hohe Bildwechsel-Frequenzen geht. Diese Technik ist auf IPS-Displays zugeschnitten, Sharp hält IPS-Patente – hier schließt sich der Kreis. Andere Apple-Patente haben mit Fernsteuerungen zu tun, wieder andere mit Overlay-Technik, wieder andere befassen sich mit neuartigen Kontext-abhängigen Menüs, die den Bediener leiten, ihm z.B. Vorschläge für weiterführende Inhalte unterbreiten.

Bei den „Inhalten“ ist man schnell bei Apples iTunes-Store – die Infrastruktur für die Versorgung eines „intelligenten“ TV-Geräts mit „Content“ ist vorhanden.

Der TV-Geräte-Markt ist „eigentlich“ ausgelutscht, die Margen sind gering, große Hersteller steigen aus. Der Hoffnungsträger „3D“ hat bisher enttäuscht, immer noch größere Diagonalen ziehen nicht mehr. Was ziehen könnte, wäre die Integration von traditionellem Fernsehen, Video-on-Demand, Internet und DVD-Abspieler in einem Gerät. Apple ist zuzutrauen, dass ein solches Gerät intuitiv „genial-einfach“ bedienbar wird. Damit ließen sich Punkte, äh, Dollars sammeln.

Ein solches TV-Gerät von Apple, besser, die Erwartung eines solchen, könnte der Aktie noch einen weiteren Schub geben.

Was kommt danach? Ich weiß es nicht. Und wenn es niemand weiß, könnte es das dann mit der Apple-Aktie gewesen sein. Nicht dass sie gleich implodiert wie seinerzeit eine durchs Dorf getriebene Sau am Neuen Markt, aber dann wird man die Aktie nach und nach wie andere große Technologie-Werte auch bewerten. Ich schätze, mindestens eine Halbierung des Kurses wäre die Folge.

Schaut man sich den Kursverlauf an, fällt einem eigentlich nur „Fahnenstange“ ein. Da gibt es nur eins – runterfallen. Die Frage ist nur, wann. Wenn die Phantasie weiter beflügelt werden kann (siehe oben – iTV), kann es noch weiter hoch gehen. Reicht die Phantasie nicht mehr, dann ist zumindest eine hoch volatile Phase zu erwarten mit Abwärts-Orientierung.

Wie auch immer: Die Bewegung der Apple-Aktie wird deutlichen Einfluss auf den Gesamtmarkt haben.

Nachtrag:
(25.4.12) Die Quartalszahlen kamen gestern nach Börsenschluss deutlich besser herein als erwartet, die Aktie stieg nachbörslich deutlich an. Aktuell (18:00) notiert sie bei 610, Tageshoch 618, EoD-Allzeithoch am 9. April 636,23.

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