Die Inflation lieben lernen…

Das mediale Trommelfeuer zur Einstimmung der Deutschen auf Inflation geht weiter. Kürzlich schrieb Joachim Fels, Chefvolkswirt von Morgan Stanley Deutschland, in der FAZ, es sei sehr wichtig, die deutsche Öffentlichkeit darauf vorzubereiten, dass höhere Inflation in diesem Jahrzehnt unausweichlich ist.

Fels weiter: Selbst wenn die EZB tatsächlich das Inflationsziel von jährlich zwei Prozent Geldentwertung im Euroraum erreichen kann, bedeutet das, dass die Preise in Deutschland stärker steigen werden müssen. Die Krisenländer hingegen könnten nur durch Lohn- und Preiszurückhaltung wieder wettbewerbsfähig werden.

Das wäre die Umkehr der Verhältnisse im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends, als die Inflationsrate in den anderen Eurozonen-Ländern, insbesondere in den PIIGS, höher war als in Deutschland. In Spanien und anderen Euroländern zogen die Löhne an, die Inflationsraten lagen dort lange Zeit über dem europäischen Durchschnitt, an den Immobilienmärkten gab es deutliche Preissteigerungen. Deutschland hingegen wuchs über weite Strecken nur langsam, die Arbeitslosigkeit war hoch, die Lohnsteigerungen gering. (Zum Thema auch „Europhorie„!)

Deutschland werde für längere Zeit mit einer höheren Inflation leben müssen, so Fels. Diese Phase werde mit kräftigem Beschäftigungswachstum und beschleunigten Lohn- und Rentensteigerungen einhergehen. Auch sei ein Höhenflug der Immobilienpreise zu erwarten. Woher er den Glauben an Wachstum von Beschäftigung und Löhnen nimmt, schreibt er nicht.

Fels ist jedenfalls optimistisch. Das Inflationsgespenst in Deutschland werde viel von seinem Schrecken verlieren, wenn…, ja wenn es der Finanzpolitik und -aufsicht gelänge, Kredit- und Immobilienblasen zu verhindern. Und woher er den Optimismus diesbezüglich hernimmt, sagt er auch nicht.

Der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Stark, hatte in einem der letzten Interviews seiner Amtszeit gesagt, die Zentralbank habe rechtzeitig gewarnt vor den Fehlentwicklungen in der Eurozone, die zu der gegenwärtigen Krise geführt haben. Instrumente für die fälligen Anpassungen wären auf den nationalen Ebenen vorhanden gewesen. „Der Immobilienboom in einigen Ländern hätte ohne weiteres mit aufsichtsrechtlichen und steuerlichen Instrumenten gebremst werden können“, sagte Stark in Anspielung auf Entwicklungen in Spanien und Irland.

Wenn das so ist, was ich nicht bezweifele, dann dürfte die Hoffnung von Fels, dass es diesmal gelingt, eine Asset-Blase zu verhindern, doch ziemlich irreal sein. Denn geändert hat sich nichts am politischen Umfeld, auch nicht an der EZB – im Gegenteil. Die tut mit ihren LTROs alles, um eine neue Schuldenblase zu erzeugen.

Der vor kurzem gestorbene Volkswirt Roland Baader hatte die aktuelle Lage der Weltwirtschaft in seinem letzten Buch mit dem Titel „Geldsozialismus“ so zusammengefasst: „Was wir in den letzten Jahrzehnten im Kreditrausch vorausgefressen haben, werden wir in den nächsten Jahrzehnten nachhungern müssen. Es wird furchtbar werden.“

Schulden sind im Kapitalismus heilig. Sie müssen immer zurückgezahlt werden – wenn auch nicht unbedingt von denen, die sie verursacht haben. Denen werden die Ihrigen auch schon mal erlassen. Umso stärker müssen dann andere bluten, die Sparer und Steuerzahler und die kommenden Generationen.

Der Betrug der Inflation beginnt nach Baader mit dem „fiat-money“-System an sich. Beim ungedeckten Papiergeld ist die Teuerung systemimmanent. Die zur Geldvermehrung betriebene Niedrigzinspolitik verbilligt den Einsatz von Kapital gegenüber dem Faktor Arbeit. Die Preise von Vermögensgütern steigen, ihre Besitzer können sich gegen Inflation dadurch besser schützen als die arbeitende Bevölkerung. So vergrößert sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter.

EZB-Draghi zieht mit Charme-Offensiven durchs Land und Fels versucht, die schönste aller Welten herbeizureden – es wird heftig daran gearbeitet, die Inflation in Gang zu bringen. Die nächste Blase entsteht und auch diese platzt.

Fels verstieg sich in seinem FAZ-Artikel sogar zu der Forderung, die Deutschen müssten die Inflation lieben lernen. Das ist doch eher zweifelhaft – insbesondere nachdem die nächste Blase geplatzt ist.

Zum Thema des Inflationsgleichgewichts in der laufenden Angleichungsphase der Eurozone hat Goldman Sachs übrigens ausgerechnet, dass bei einem Inflationsziel von 2% für die gesamte Eurozone die Preissteigerungen in Deutschland über zehn Jahre bei 3,3 bis 4,7% liegen müssten.

Nachtrag:
16.4.12: Die EZB-Beamten lieben die Inflation schon mal nicht: Sie fordern einen Inflationsschutz für ihre Pensionen.

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