Amargi – die Geschichte der Verschuldung

„Amargi“ – für den Anthropologen David Graeber ist das das erste, in irgendeiner Sprache überlieferte Wort für „Freiheit“, ein Wort für Schuldenfreiheit. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Rückkehr zur Mutter“, nach Entlassung aus der Schulden-Knechtschaft konnten die ehemaligen Schuldner nach Hause gehen (neu anfangen).

Der sich selbst als Anarchist bezeichnende Graeber ist Professor an der Universität von London. Er hat sich in seinem neuesten Buch „Debt: The First 5.000 Years“ mit der Geschichte der Schulden beschäftigt. Motivation war für ihn, dass die Verschuldung in der Zwischenzeit praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens durchdrungen hat, ihre Geschichte aber noch nicht umfassend dokumentiert wurde.

Die ökonomischen Techniker von heute reduzieren den Begriff „Schulden“ auf eine einfache Berechnung von „Soll“ und „Haben“. Graeber zeigt, dass „Schulden“ viel mehr sind. Sie sind nicht nur eine geldliche Schuld, sondern auch eine moralische Kategorie, eine Verpflichtung. Wie jede Moral bietet sich auch bei den „Schulden“ ein Ansatzpunkt für gesellschaftliche Machtverhältnisse, für Beherrschung und Unterdrückung. So galten im alten Mesopotamien Schulden als ein Versprechen, das mit Gewalt durchgesetzt werden konnte. Schulden begründeten und begründen gesellschaftliche Abhängigkeiten.

Graeber stellt klar, dass das Phänomen der Verschuldung wenig mit dem Geldsystem zu tun hat. Schulden gab es schon vorher und unabhängig hiervon. Das ist auch einfach einzusehen. Da nicht jedes Mitglied einer Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt über alle lebensnotwenigen Dinge verfügen konnte, musste es sich welche leihen, sich also verschulden, wenn der Gegenpart angebotene Dinge nicht benötigte. Dies sieht zwar aus wie ein Tauschhandel, den z.B. Adam Smith als Beginn des ökonomischen Handelns sieht. Aber in Wirklichkeit wurden hier, auf der Stufe der „menschlichen Ökonomie“, keine Waren getauscht, sondern Verpflichtungen. Das später aufkommende Geld diente zunächst auch nur dazu, das Werteverhältnis von Dingen zu dokumentieren.

Mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft -Marx würde herausstellen, mit der Entwicklung ihrer Produktivität und damit der Vermehrung des gesellschaftlichen Mehrwerts-, verschärfte sich der Kampf um dessen Verteilung und damit um die Verteilung gesellschaftlicher Macht. Parallel dazu wurde Geld im Stadium der „kommerziellen Ökonomien” zur Sache, es gewann ein Eigenleben und entwickelte sich schließlich zu einer „creatio ex nihilo“, die Wert aus sich selber heraus schafft. Damit erst begann Geld selbst, soziale Beziehungen massiv zu beeinflussen.

Denn wenn das Schuldensystem erst einmal auf einer „Schöpfung aus dem Nichts” aufbaut, ist es in der Welt einer doppelten Theologie angekommen, „eine für die Geldgeber und eine für die Schuldner”, wie Graeber schreibt. Die einen Mitglieder der Gesellschaft müssen sich verschulden, um ein Leben zu leben, das mehr ist als bloßes Überleben. Die anderen verleihen Geld, was sie über Schulden finanzieren. Die einen müssen ihre Schuld auf Heller und Pfennig abtragen. Die anderen müssen ihre eigenen Schulden aber nicht bezahlen.

Genau dann wird hohe Verschuldung zu einer moralischen Existenzbedrohung für bestehende Gesellschaften, schreibt Graeber. Und da sind wir heute angelangt. Schlimmer noch: Früher war eine hohe Verschuldung eher eine Ausnahme in Kriegs- und Krisenzeiten, heute scheint sie allmählich zur Regel zu werden.

Bis zu den 1980er Jahren, erst recht vor Mitte der 1970er war die Existenz des Ostblocks ein Grund für die Selbstzügelung des Finanzkapitalismus. Insbesondere das Bretton Woods System gewährleistete noch eine gewisse „Bodenhaftung“, das Bestehen des Ostblocks sorgte zudem für politische und wirtschaftliche Zugeständnisse an die breiten Bevölkerungsschichten, um diese “zufrieden” zu halten.

Graeber sagt, in den USA sei in den zurückliegenden Jahren so ziemlich alles in Frage gestellt worden, außer dem einen Glaubenssatz, dass man seine Schulden bezahlen muss. Jetzt sei aber klar, dass dies eine Lüge ist: „Wie wir jetzt sehen, müssen eben nicht ,alle’ ihre Schulden bezahlen. Nur einige von uns müssen. Nichts wäre wichtiger, als den Tisch aufzuräumen für jeden, unsere eingeübte Moralität in Frage zu stellen und neu zu beginnen.”

Was in den USA gilt, gilt auch hier. „Längst hat diese Schuld zu einem autoritären Zuwachs des Staates geführt, der jetzt zunehmend unkontrolliert Opfer verordnen kann und vor allem wird. Noch haben die meisten Deutschen offenbar das Gefühl, dass sie die Schulden abbezahlen können. Ändert sich dies, ändert sich alles,“ schreibt F. Schirrmacher in der FAZ dazu.

Der US-Ökonom Michael Hudson hat im Mai 2006 unter dem Titel „Der neue Weg in die Leibeigenschaft” den Zusammenbruch der Immobilienblase in den USA vorhergesagt. Er hält die Occupy-Bewegung für „prärevolutionär“. Auch Graeber sieht in ihr einen Ausdruck des Aufstands der Schuldsklaven. Für ihn war das größte soziale Übel der Antike, dass sich Menschen so tief verschuldeten, dass sie am Ende ihre Kinder in die Sklaverei verkauften, schließlich auch sich selbst. Wenn Platon oder Aristoteles heute mit einer Zeitmaschine ins moderne Amerika kämen, würden sie die Lage kaum anders beurteilen, meint Graeber.

„Löscht alle Schulden, und verteilt das Land neu!“ Dieser Satz des Althistorikers Moses Finley beschreibt nach Graeber das einzige und über Jahrhunderte immer wiederkehrende revolutionäre Programm der Antike. Mehr noch: Bei den meisten Revolten in der Geschichte der Menschheit ging es um (übermäßige) Schulden.

Wenn sie sich halten wollten, mussten sich politische Regime früher oder später eine Lösung für die Schuldenfalle einfallen lassen. Dabei gibt es in der Regel zwei Arten von Lösungen. Die eine war, direkte Kontrollmechanismen aufzuerlegen. So verkündeten die alten mesopotamischen Könige von Zeit zu Zeit einen Neuanfang durch Annullierung aller Schulden. Oder das Nehmen von Zinsen wurde verboten, wie es sowohl das Christentum im Mittelalter als auch der Islam taten. Diese Lösung war typisch für Zeiten des Kreditgeldes in Form von Schuldscheinen oder Versprechen, für Phasen also, die eher vom Typus der „menschlichen Ökonomie“ geprägt waren.

Die in Zeiten entwickelterer Geldsysteme häufige Lösung ist die imperiale Methode. Es wird darauf bestanden, dass Schulden heilig sind und nicht manipuliert werden dürfen. Dann wird versucht, das Problem mit Geld zu “fluten”. Es werden z.B. stehende Heere geschaffen und bezahlt. Oder es wurden in den imperialen Zentren andere Wege eingeschlagen, Bargeld oder sonstiges Vermögen direkt unter die Untergebenen zu bringen. Oft waren diese Maßnahmen gepaart mit umso massiverer Schuldsklaverei anderswo.

Die zweite Lösung hat sich laut Graeber in der Geschichte als langfristig wenig tragfähig erwiesen: Aus der ungleichen Behandlung von Kreditnehmern und Kreditgebern entstand -manchmal über Generationen hinweg- eine revolutionäre Lage.

Graeber zieht im Interview mit Alex Bradshaw (deutsch hier) ganz aktuelle Parallelen: „Man nehme die jüngsten Revolutionen im Nahen Osten. Einer der wichtigsten Faktoren in der ägyptischen Revolution, über den kaum gesprochen wird, waren Mikrokredite. Gamal Mubarak, der mal für die Bank of America gearbeitet hat, entschied, dass er weg vom alten Modell des Wohlfahrtsstaats und hin zu einem auf Mikrokrediten basierenden Entwicklungsmodell wollte. Da niemand mehr irgendwelche Sicherheiten hatte, die hätten gepfändet werden können, erfüllte die Polizei dann die Rolle der Typen, die auftauchen um dir die Beine zu brechen. Daher die allgemeine Empörung über die Brutalität der Polizei.“

Und: „Als die Saudis in Panik gerieten, weil die Revolution ihr eigenes Land zu erreichen drohte, was taten sie? Nun, abgesehen vom Aufstocken der Sicherheitskräfte, verkündeten sie Schuldenerlass im mesopotamischen Stil für alle im Königreich. (Sie haben immer noch einen König, sodass sie solche Dinge noch tun können.)”

Und zum Schluss: „Was wir 2008 gelernt haben ist, dass alles, was sie uns über Märkte erzählt haben, eine Lüge war. Märkte laufen nicht von selbst, und Schulden müssen nicht immer bezahlt werden. Wenn wir über die wirklich großen Spieler reden, dann gelten andere Regeln, dann kann man sogar 13 Billionen an Spielschulden (nach manchen Schätzungen) einfach verschwinden lassen. (…) Wenn Demokratie etwas bedeutet, muss sie bedeuten, dass nicht nur die reichsten 1% der Bevölkerung zu entscheiden haben, wer seine Versprechen auf den Buchstaben genau halten muss und wessen Versprechen annulliert oder neu verhandelt werden können… sondern alle.“

Und ganz zum Schluss auf die Frage im Interview mit Philip Pilkington, wie sich die gegenwärtige Schuldenkrise weiter entfaltet: “For the long-term future, I’m pretty optimistic. We might have been doing things backwards for the last 40 years, but in terms of 500-year cycles, well, 40 years is nothing. Eventually there will have to be recognition that in a phase of virtual money, safeguards have to be put in place – and not just ones to protect creditors. How many disasters it will take to get there? I can’t say. But in the meantime there is another question to be asked: once we do these reforms, will the results be something that could even be called ‘capitalism’?”

Mein Fazit: Ein lesenswertes Buch – demnächst auch auf deutsch.
Siehe auch die Buchbesprechung in der NYTimes hier.

Nachtrag:
(21.5.12) Graebers Buch ist mittlerweile auf deutsch erschienen: “Schulden: Die ersten 5000 Jahre”

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