Halbleiterindustrie – Aussichten für 2012

Der Halbleiterindustrie kommt eine Schlüsselrolle im aktuellen, von der Elektronik getriebenen Kondratieff-Zyklus zu. Manche sehen in ihr daher eine Art Vorläuferindikator für die wirtschaftlichen Wachstumsperspektiven. Dies stimmt über einen langen Zeitraum gemittelt auch. Allerdings wird die Halbleiterindustrie durch sehr viele innere Faktoren beeinflusst, nicht zuletzt wegen ihrer hohen Kapitalintensität. Dadurch entwickelt sie sich sehr volatil und eignet sich wenig für eine verlässliche Prognose des Wirtschaftswachstums auf Sicht von sechs bis neun Monaten.

Jedes Jahr sei es etwas anderes, was die Halbleiterindustrie von einer stetigen Entwicklung abschneidet, sagt Bill McClean von IC Insights. Das sei einfach keine Industrie, die jährlich um einen bestimmten, verlässlichen Betrag wächst und das gelte in der Zukunft wohl genau wie in der Vergangenheit. Betrachtet man hingegen längere Zeiträume, hängen Wachstum der Halbleiterindustrie und die Entwicklung des weltweiten BIP recht eng miteinander zusammen, sagt er. McClean ist seit über 30 Jahren als Marktforscher im Halbleitergeschäft.

Der Stimulus von weltweit 2,2 Bill. Dollar der zurückliegenden Jahre bewahrte die Weltwirtschaft vor einer Schrumpfung in 2009 um 3,2%, so waren es nur minus 1,9%. In 2010 gab es ein Wachstum von 4,3%, ohne Stimulus wären es nur 2,1% gewesen. 35% des Stimulus wurden in 2009 ausgegeben, 55% in 2010 und die restlichen 10% in diesem Jahr. Für 2011 rechnet MCClean mit einem Wachstum von 3,3%, ohne die nachlaufende Wirkung des Stimulus wären nur 2,9% zu erwarten.

Die Halbleiterindustrie hätte in 2012 ein Wachstumspotenzial von über 10%, sagt McClean – aber nur, wenn das weltweite BIP um über 3,8% steigt. Ein BIP-Zuwachs zwischen 3,4 und 3,7% ergäbe ein Chip-Markt-Wachstum von sechs bis zehn Prozent. Legt das BIP hingegen nur um 2,9 bis 3,3% zu, wächst die Chip-Industrie lediglich um eins bis fünf Prozent. Wächst das BIP nur zwischen 2,5 und 2,8%, ist Stagnation im Chip-Markt zu erwarten.

Bei Wachstumsraten des für 2011 auf rund 60 Bill. Dollar geschätzten globalen BIP von unter 2,5% wird allgemein von einer Rezession der Weltwirtschaft gesprochen. Auf der Oberseite gelten Wachstumsraten von mehr als 5% als kaum erreichbar, weil dann der Ölpreis so stark steigt, dass er das Wachstum ausbremst.

Die Vorhersage von McClean für die Entwicklung des Chip-Marktes in 2012 lag im September noch bei rund 10%, entsprechend einem BIP-Wachstum von 3,7%. Dann kam die Reduktion von Wachstumsprognosen durch Weltbank und IWF.

Der IWF sieht für 2011 und 2012 ein weltweites BIP-Wachstum von jeweils 4,0%, wobei die entwickelten Industrieländer in 2011 nur um 1,6%, in 2012 um 1,9% wachsen sollen. Demgegenüber kommen die Emerging Markets auf 6,4, bzw. 6,1%. Im Juni waren für die Industrieländer noch 2,5% Wachstum in 2011 und 2,7% in 2012 prognostiziert worden.

Die IWF-Prognosen liegen etwa 10% höher als die der Weltbank, auf denen McCleans Annahmen basieren. Und so geht er jetzt noch von plus 6% im nächsten Jahr aus. Entsprechend sollten sich die Stückzahlen in seiner Prognose aus September noch im Bereich einer Trendlinie von 9% Steigung entwickeln. Mittlerweile liegen sie ebenfalls darunter.

Dabei stehen auch die reduzierten Prognosen unter einigen Vorbehalten: Die Eurokrise darf nicht ausufern, der Streit um das US-Budget-Defizit muss beigelegt werden und die Volatilität der Finanzmärkte muss abnehmen. Zudem muss die private Nachfrage die Lücke füllen, die sich mit dem Auslaufen der Krisen-Stimuli auftut.

Ziemlich viele, „anspruchsvolle“ Annahmen auf einmal…

Die Marktforscher von Gartner rechnen übrigens mit einem worst-case Scenario für den Chip-Markt von minus 4,9% für 2012. Im optimistischen Fall könnte ein Plus von 4,6% erreicht werden, wenn sich Anzeichen für eine erneute Rezession in den USA nicht manifestieren, heißt es.

Der deutsche Halbleitermarkt wird in diesem Jahr um acht Prozent auf über elf Milliarden Euro wachsen, schreibt der ZVEI Anfang Dezember. Nach dem extremen Einbruch im Jahr 2009 war der deutsche Halbleitermarkt 2010 um 47,6% auf über 10,3 Mrd. Euro gewachsen. Der europäische Markt wird 2011 kein Wachstum verzeichnen. Weltweit wird der Umsatz um ca. 1,3% auf über 300 Mrd. Dollar steigen, sagt der Verband.

Die überdurchschnittlich gute Entwicklung dieses Marktes in Deutschland wird gestützt durch jeweils zehn Prozent Umsatzzuwachs mit der Automobilbranche und der Industrieelektronik. Die Automobilbranche hält mit 37% ihren deutschen Marktanteil gegenüber dem Vorjahr konstant. Mit einem Umsatzzuwachs von fünf Prozent und einem Marktanteil von 27% verliert die Datentechnik gegenüber dem Vorjahr einen Prozentpunkt Marktanteil, bleibt aber weiterhin auf Platz zwei. Die Industrieelektronik vergrößert den ihren um ein auf 24% und ist weiterhin drittgrößtes Marktsegment in Deutschland.

Die regionale Verteilung der Marktanteile ändert sich 2011 kaum. Die Region Asien/Pazifik behält ihren Platz als umsatzstärkste Region mit deutlich über 50% Marktanteil, wovon allein auf China knapp die Hälfte entfällt. Der Anteil Amerikas ist 2011 weiter etwas angestiegen, wohingegen Japan Marktanteil verliert. Europa besitzt bei einer nur marginalen Steigerung weiterhin den geringsten Marktanteil.

Der weltweite Mikroelektronikmarkt befindet sich 2011 wie auch schon im Jahr 2010 weiterhin auf dem alten Wachstumspfad vor der Krise 2008/09, so lautet das zufriedene Resümee des ZVEI. Das zeigt auch das Schaubild weiter oben.

Ein Wachstum des globalen Chip-Marktes von 6% in 2012 erscheint mir sehr optimistisch. Und zwar nicht nur deshalb, weil die von McClean getroffenen Voraussetzungen hoch gesteckt sind.

McClean hat recht, wenn er auf die gute Korrelation zwischen Halbleitermarkt und globalem BIP abstellt. Daher seien im folgenden noch einige weitere Punkte angeführt, die den Chip-Markt aus Sicht der allgemeinen wirtschaftlichen Lage belasten.

Wir haben einen Crack-up Boom erlebt, angefeuert mit staatlichen Stimulus-Programmen. Die entscheidende Frage ist jetzt, ob daraus ein selbsttragender Aufschwung werden kann, der so viel Dynamik entwickelt, dass er neben den ausbleibenden staatlichen Anreizen auch die aktuelle zyklisch bedingte Abflachung kompensieren kann. Eigentlich muss es „überkompensieren“ heißen. Denn: Aufgrund der hohen Gesamtverschuldung der entwickelten Volkswirtschaften besteht schon bei einem BIP-Wachstum von unter 2% ein stark erhöhtes Risiko, erneut in eine Rezession abzurutschen. Die Volkswirtschaften sind in einer solchen Situation instabil gegen Schocksituationen aller Art.

Letztendlich ist entscheidend, dass sich der Arbeitsmarkt weiter belebt, genauer gesagt, die daraus resultierende kaufkräftige Nachfrage. Der Blick in die USA zeigt, dass die dortige Erholung des Arbeitsmarktes nach einer Rezession die flaueste zumindest seit dem zweiten Weltkrieg ist. Dementsprechend bleibt auch das verfügbare private Einkommen flach. Durch Entsparen wird dabei gegenwärtig der private Verbrauch noch einigermaßen hoch gehalten. In Deutschland heißt es zwar, die Arbeitslosigkeit sei so niedrig wie lange nicht mehr. Aber das hat hier bisher auch nicht dazu geführt, dass die kaufkräftige Nachfrage deutlich gestiegen ist. Und mit den dunklen Wolken, die in China aufziehen, tritt ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu.

Nachtrag: Der deutsche Chip-Equipment-Anbieter Süss Microtec bekommt die insgesamt schwache gesamtwirtschaftliche Lage zu spüren. Der Auftragseingang im Q4/2011 werde hinter den Erwartungen zurückbleiben und voraussichtlich 20 bis 25 Mio. Euro betragen, heißt es aktuell (Vorjahr 49,5 Mio. Euro). Noch im Herbst war das Unternehmen von einem Auftragseingang von 30 bis 40 Mio. Euro ausgegangen. Das bestätigt, wie auch der Ausblick der Chip-Equipment-Branche insgesamt, dass gegenwärtig zu besonderem Optimismus für die Entwicklung der Halbleiterumsätze kein Anlass besteht.

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