Zyklen, Zyklen, Zyklen

Was bewegt die Welt? Selbst wenn man nur oberflächlich hinsieht, sind wellenförmige Bewegungen im gesamten sozialen Leben der Menschheit unverkennbar.

Aufstieg und Fall von Hochkulturen, Ausdehnung von Macht und ihr Ende, Armut und Überfluss, Panik und Euphorie – diese und andere gegenpoligen Merkmale prägen die Geschichte. Das Spannungsfeld zwischen Angst und Gier drückt nicht nur den Finanzmärkten seinen Stempel auf. Erfindungen mausern sich zu Trägern von epochalen, technologischen Trends und verschwinden schließlich in der Belanglosigkeit. Wirtschaftssysteme fördern bis zu ihrer Blüte gesellschaftlichen Wohlstand und werden in ihrer Spätphase zum Hemmschuh der sozialen und technologischen Entwicklung.

Genau die gleichen Bewegungsmuster finden wir aber auch in der Natur um uns herum. Denken wir an den jahreszeitlichen Rhythmus, an Anziehung- und Abstoßungskräfte in der Physik, an die Evolution oder an chemische Prozesse. Wo ein Pol ist, ist ein Gegenpol. Zwischen beiden baut sich ein Spannungsfeld auf, das sich so lange entwickelt, bis es den Rahmen sprengt, in dem es sich bisher bewegt hat. Die frei werdende Energie sucht ein „neues Zuhause“, das Spiel der Kräfte beginnt von vorne.

Auf den Punkt gebracht: Die Welt entwickelt sich, getrieben durch Widersprüche, in Wellen und Zyklen.

Wellen, das sind in den Finanzmärkten gwöhnlich Bewegungen auf einer Preisachse, während Zyklen die Bewegungen auf der Zeitachse betonen. Wellentheorien sehen in der Preisbewegung die unabhängige Variable, für Zyklustheorien ist das die Zeitachse. Beide Seiten sind untrennbar miteinander verbunden. Bestimmte Kursformationen, etwa Dreiecke, kann es ohne ein bestimmtes, regelmäßig wiederkehrendes zeitliches Verhaltensmuster nicht geben.

Die Betrachtung von Preismustern ist längst Gemeingut in der Finanzwelt, die Analyse von Zyklen jedoch hinkt etwas hinterher. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Untersuchungen, die die Existenz von prägenden Zeitmustern nachweisen. Die Wellentheorie von Elliott z. B. beinhaltet neben den Gesichtspunkten von Formation und Preisverhältnis auch einen Zeit-Aspekt. Edward R. Dewey und Og Mandino wiesen in den dreißiger Jahren in praktisch allen Bereichen der menschlichen Gesellschaft und der Natur die Existenz von Zyklen nach. Sie entdeckten, dass viele, offenbar voneinander unabhängige Zyklen dieselbe Dauer haben und auch noch synchron ablaufen.

Zyklen werden bestimmt durch Amplitude und Länge. Die Amplitude ist der Ausschlag etwa auf einer im Börsengeschehen üblichen Preisskala. Die Zykluslänge wird durch den zeitlichen Abstand zweier aufeinander folgender Wellenkämme oder Wellentäler bestimmt. Die Phasenlage ist darüber hinaus beim Vergleich mit anderen Zyklen wichtig und meint die Verschiebung des Extrempunkts einer Welle zum gleichgerichteten Extrem einer anderen. Treten mehrere Zyklen zur gleichen Zeit auf, ergibt sich das Ergebnis der zusammengesetzten Bewegung für jeden Punkt auf der Zeitachse durch Addition der Amplituden der verschiedenen Einzelwellen.

Neben diesem Prinzip der Summation hat J.M. Hurst in seinem 1970 erstmals erschienenen Werk „The Profit Magic of Stock Transaction Timing“ weitere, für die Zyklusanalyse von Aktienmärkten maßgebliche Regeln untersucht. Harmonität bedeutet, dass benachbarte Wellen üblicherweise durch eine kleine, ganze Zahl im Verhältnis stehen, gewöhnlich ist das der Faktor zwei. Das Prinzip der Synchronität bezeichnet die Eigenschaft von Zyklen unterschiedlicher Länge, zum ähnlichen Zeitpunkt ein Tal auszubilden. Die Proportionalität schließlich legt fest, dass Zyklen von längerer Dauer üblicherweise proportional größere Amplituden aufweisen. Diese vier Prinzipien setzen sich zwar häufig durch, sie sind aber nach Hurst auch keine starren Regeln. Daher führte er das Prinzip der Abweichung ein. Sein Grundsatz der Nominalität schließlich besagt, dass es offenbar trotz aller Besonderheiten eine Reihe von harmonischen Zyklen gibt, die alle Märkte gemeinsam beeinflussen.

So weit, so gut. Viele Anhänger von Zyklustheorien gehen meiner Meinung nach allerdings zu mechanisch vor. Sie suchen nach oberflächlicher Regelmäßigkeit, wo keine ist. Es ist meiner Meinung nach ein Irrweg, zu glauben, Zyklen bahnten sich in stets gleicher Zusammensetzung ihren Weg und takteten sich mit sturer Regelmäßigkeit durch die Geschichte. Das Prinzip der Synchronität deutet schon an, dass unterschiedliche Zyklen offenbar dazu tendieren, an bestimmten Punkten zusammenzulaufen. Bei harmonischen Verhältnissen der Zykluslängen ist das noch einigermaßen vorstellbar, ohne einen der beteiligten Zyklen vorrübergehend aus seinem angestammten Rhythmus fallen zu lassen.

Die Konzentration auf harmonische Zyklen scheint mir jedoch nicht vereinbar mit dem allgemeinen „Bauplan“ von Natur und Gesellschaft. An diesem Punkt kommt die mathematische Chaostheorie ins Spiel, wie sie von Mandelbrot begründet wurde. Interessanterweise finden sich bei Elliott bereits wichtige Merkmale dieses Konzepts. „Wie im Kleinen, so im Großen“. So lässt sich kurz gefasst benennen, was mit Mandelbrots fraktaler Struktur oder dem Prinzip der Selbstähnlichkeit gemeint ist. Auf jeder Ebene in Zeit und Raum entwickelt sich eine Struktur in ähnlicher Weise. Und so beinhaltet ein Atom zum Beispiel denselben Bauplan wie Sonnensystem und Galaxien.

Für die Zyklusanalyse bedeutet das meiner Meinung nach, dass die Länge und Struktur signifikanter Zyklen im Zeitablauf wechseln. Es kommt immer wieder zu Interferenzen, an bestimmten Punkten auf der Zeitachse werden Zyklen unterschiedlicher Länge „zwangssynchronisiert“. Sie geraten – meist im Rahmen sogenannter Volatilitätscluster – kurzzeitig aus dem Tritt, bevor sich eine neue Zyklusstruktur herauskristallisiert, die der alten ähnelt und doch anders ist. So verstanden, behielte das Prinzip der Synchronität seine Gültigkeit.

Je länger ein Zyklus ist, je größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er aufgrund seiner Energie, seiner Amplitude, „durchtaktet“. Das gilt im Wirtschaftsgeschehen wohl insbesondere für den Kondratieff-Zyklus. Ich halte die von Nikolai Kondratieff begründete Theorie der langen Wirtschaftszyklen für zutreffend, nach der bestimmte Basisinnovationen die Wirtschaftsentwicklung jeweils auf einen Zeithorizont von 50 bis 60 Jahren antreiben.

Damit sind wir – endlich – beim „Heute“ angekommen. Wir befinden uns meiner Meinung nach momentan in der letzten Phase des aktuellen, von Elektronik und Halbleitern getriebenen Kondratieff-Zyklus. Dieser sogenannte „Kondratieff-Winter“ begann mit dem Börsen-Crash des Jahres 2000 und führt im Verlauf einer Reihe von Jahren zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Kontraktion.

Nun sind die Finanzmärkte kein Ökonomen-Kongress und daher ist es ganz normal, wenn sich langfristig trübe Aussichten nicht zwingend und unmittelbar in aktuellen Kursverläufen widerspiegeln. Der lange Zyklus ist dann eben überdeckt mit kurzfristigen Zeitmustern, die anderen Aspekten des komplexen Geschehens an den Finanzmärkten entsprechen. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich die von Kondratieff beschriebene Entwicklung entfaltet, die er immer auch als Zusammenspiel der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Dimension begriff.

Wir können heute nahezu jeden Aspekt unserer gesellschaftlichen Entwicklungsstufe nehmen und müssen konstatieren, dass wir uns in ernsten Schwierigkeiten befinden. Die Rate der staatlichen Neuverschuldung bewegt sich in den entwickelten kapitalistischen Ländern dauerhaft oberhalb der Wachstumsraten ihrer Bruttosozialprodukte, Massen- und Dauerarbeitslosigkeit schränken die kaufkräftige Nachfrage ein. Die Sättigungstendenzen der Schlüsselmärkte tun ein Übriges, um die Wachstumsaussichten auch zukünftig in einem düsteren Licht erscheinen zu lassen. Die politischen Systeme in der westlichen Welt erweisen sich zunehmend als unfähig, mit den Problemen fertig zu werden. Die Sozialsysteme knirschen und knacken und wie sie vor dem Zusammenbruch bewahrt werden sollen, kann niemand sagen.

Radikale Strömungen erhalten Zulauf, lieb gewonnene geopolitische Allianzen stehen auf dem Prüfstand und werden das Jahrzehnt wohl kaum überstehen. In Europa macht sich ein bürokratischer Moloch, Europäische Union genannt, breit. Ausufernde Bürokratie war immer schon ein Zeichen des Niedergangs. Den Menschen fehlt die Perspektive, das treibt sie in Isolation und „Ersatzwerte“. Sie identifizieren und engagieren sich in immer geringerem Masse für das Gemeinwesen, das ihnen jeden Tag fremder wird. An der Rohstofffront wird die relative Knappheit des Rohstoffs Nr. 1, dem Öl, immer offensichtlicher. Aber die Technologieentwicklung kann immer noch keine Alternativen vorlegen. Auch sonst scheint die aktuelle Trägertechnologie, Elektronik und Halbleiter, im „Ausrollen“ begriffen zu sein. Ihre Produkte finden immer weitere Verbreitung, werden immer billiger und besser verfügbar. Aber wirklich Neues ist in Sicht. Auch und vor allem keine neue Basis-Innovation, die das Zeug hätte, einen neuen großen Wirtschafts-Zyklus zu treiben.

Dies alles stützt die These eines auslaufenden Kondratieff-Zyklus. In einem, im Juli 2004 im FinanzBuch Verlag neu erscheinenden Buch mit dem Titel „Weltsichten – Weitsichten“ vertiefen die Autoren, Robert Rethfeld und Klaus Singer, der Verfasser dieser Zeilen, diese Thematik und stellen Szenarien vor, wie die Geschichte in den nächsten 30 bis 50 Jahren weiter gehen könnte.

Die TimePatternAnalysis beruht auf den zuvor dargelegten Ideen. Sie zerlegt mittels moderner Methoden der Signalverarbeitung zusammengesetzte Preisverläufe in ihre Frequenzstruktur. Die gefundenen Basis-Zyklen werden quantitativ bewertet und ihre konkrete Zusammensetzung dazu herangezogen, künftige Kursverläufe zu synthetisieren. Die Methode arbeitet also nicht mit fest vordefinierten, gar harmonischen Zyklen, sondern bestimmt diese in allen ihren Merkmalen -Länge, Stärke und Lage zueinander- erst aus dem konkreten Kursverlauf. Die Auswertung der fraktalen Dimension hilft dabei, Phasen von Trend und Pause zu identifizieren, was die Identifikation von mittelfristigen Kursbewegungen erleichtert.

Nachtrag: Der vorstehende Artikel erschien im Mai 2004 zuerst bei Zeitenwende.

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